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Geschichten fürs Leben
Nicolai Stockfisch, Empfänger
"Es gibt keinen Grund, seine Organe mit ins Grab zu nehmen"
Im Dezember 2008 wurde Nicolai Stockfisch drei Stunden lang operiert, dann schlug ein neues, starkes Herz in seiner Brust. "Als ich aufwachte, fühlte ich, dass da Kraft dahinter ist", erzählt Nicolai.
Nicolais Herz war von Geburt an schwach. 2005 bekam er dann einen Herzschrittmacher. "Ich habe vieles machen können, in der Schule, mit meinen Freunden, und habe viel Sport getrieben." Doch plötzlich veränderte sich alles. Nicolai fühlte sich müde und schlapp, litt unter Atemnot. Zu diesem Zeitpunkt leistete sein Herz weniger als ein Drittel von dem eines gesunden jungen Mannes. Viel zu wenig, um weiter leben zu können. Seine einzige Chance war ein neues Herz. Nicolai wurde auf die Hochdringlichkeitsliste gesetzt und zweieinhalb Wochen später wurde ein Spenderherz gefunden.
Inzwischen steht Nicolai wieder mitten im Leben. Er treibt Sport, verbringt die Wochenenden mit seinen Freunden und startet auch in der Schule voll durch. Nicolai wünscht allen anderen Wartelistenpatienten, dass sich mehr Menschen mit dem Thema Organspende auseinander setzen. "Es gibt keinen Grund, seine Organe mit ins Grab zu nehmen, denn diese Organe retten Menschen und machen so viele Menschen glücklich! Schenkt das größte Geschenk, das man überhaupt machen kann!"
Rolf Lohmann, Angehörige
" Ein Teil meiner Schwester lebt weiter"
Im Oktober 2007 erlitt die Schwester von Rolf Lohmann völlig überraschend ein Hirnaneurysma mit Hirnblutung zur Folge. Leider konnte man ihr nicht mehr helfen. Schon vor ihrem Tod wurde die Familie im Krankenhaus auf die Möglichkeit einer Organspende angesprochen.
Bis dahin hatte er darüber nie nachgedacht: "Solche Gedanken habe ich immer verdrängt. Wer beschäftigt sich schon in jungen Jahren mit dem Tod oder dem Thema Organspende." Was hätte seine Schwester getan? Wollte sie ihre Organe spenden? Fragen, mit denen sich die Familie in diesen schweren Stunden intensiv auseinander setze. Rolf Lohmann erinnerte sich schließlich an eine Situation, in der sich seine Schwester für Organspende aussprach. Eine langjährige Bekannte der Familie war Dialyse-Patientin. "Wenn ich könnte, würde ich ihr eine Niere spenden", sagte sie damals.
Eine Aussage, die die Familie in ihrer Entscheidung bestärkte, ihre Organe zu spenden und so anderen Menschen das Geschenk fürs Leben zu machen. "Ein Signal zu Lebzeiten macht auch den Angehörigen die Sache leichter, sich für Organspende zu entscheiden, denn wer versagt einem Verstorbenen einen Herzenswunsch?" Die Tatsache, dass es den Organempfängern gut geht und ein Teil seiner Schwester in ihnen weiterlebt, empfindet Rolf Lohmann als großen Trost.
Sollten sich mehr Menschen mit dem Thema befassen? "Gehen Sie mal in Krankenhäuser zu Menschen, insbesondere zu Kindern, die auf ihre letzte Chance warten. Unterhalten Sie sich einmal mit Menschen, die ein Spenderorgan erhalten haben. Wenn Sie die Freude dieser Menschen erlebt haben, die ein zweites Leben erhalten haben, dann wissen Sie die passende Antwort. Ja!"
Regina und Volker Haag, Angehörige
" "
Robert Lütteke, Wartelisten-Patienten
" "
Claudia Kotter, Empfänger
"Weil das Leben super ist!"
Als Kind wurde bei Claudia Kotter Sklerodermie diagnostiziert - eine unheilbare Krankheit, bei der sich das Bindegewebe langsam verhärtet und die Organe angegriffen werden. 1998 stellten die Ärzte fest, dass ihre Lunge betroffen ist und sie irgendwann ein Spenderorgan benötigen wird.
Bis 2002 ging alles gut, Claudia Kotter begann zu studieren und reiste viel. Plötzlich hustete sie Blut, eine Transplantation wurde unausweichlich. Die nächsten Jahre verbrachte sie zum größten Teil im Krankenhaus. "Meine Freunde durften bei mir in der Klinik übernachten; es hatte ein bisschen was von einer Klassen- oder Kursfahrt, aber eben viel länger. Das Warten wurde in den Alltag integriert." Mitte 2006 verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand rapide, sie konnte nicht mehr alleine stehen, laufen und essen.
Im April 2007 kam dann endlich die Nachricht, dass ein neues Spenderorgan gefunden wurde. Viele Angehörige und Freunde kamen in die Klinik, um sie in dieser schwierigen Situation zu unterstützen. Da es zu Komplikationen während der Operation kam, musste sie sofort wieder operiert und 15 lange Tage in ein künstliches Koma versetzt werden. Als sie aufwachte, waren alle da. "Ich wusste sofort, es funktioniert", erzählt Claudia Kotter mit einem Lächeln.
Ihr Körper nahm die Lunge gut an. Heute muss sie zwar noch ein bis zweimal pro Woche die Blutwerte überprüfen lassen und fast täglich zur Reha gehen, doch das sieht sie nicht als ein Muss an: "Ich mach das total gerne!" Denn Dank der Transplantation kann sie ihr zweites Leben unbeschwert genießen. "Ich kann fliegen, reisen, arbeiten, Sport machen, Haushalt führen, mich frei bewegen, Leute treffen, oder alleine sein! Ich freue mich über diese Freiheiten, und ich freue mich, am Leben zu sein." Für den Spender empfindet Claudia Kotter sehr viel Dankbarkeit. "Die Lunge sehe ich nicht als mein Eigentum an. Sie ist ein Geschenk. Ich weiß, welche Verantwortung ich nun trage.
Für die Zukunft wünscht sie sich, dass sich mehr Menschen mit dem Thema Organspende auseinandersetzen. Sie erwartet nicht, dass jeder dazu bereit ist, aber man sollte für sich eine Entscheidung treffen - dafür oder dagegen. Um aufzuklären und vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zu informieren, gründete sie zusammen mit Familienmitgliedern und Freunden den Verein "Junge Helden". Sie gehen an Schulen, veranstalten bundesweit Partys und begegnen dem Thema insgesamt mit viel Lebensfreude und Mut - fürs Leben.
Heike und Olaf Wulfes, Angehörige
"Organspende ist das größte Geschenk, das man jemandem machen kann."
Es war ein Verkehrsunfall. Ein Unfall, der der Familie Wulfes von einem Moment auf den anderen ihren Sohn entriss und sie vor eine schwere Entscheidung stellte.
Als bei Heike und Olaf Wulfes Sohn nach dem Unfall der Hirntod festgestellt wurde, waren sie es selbst, die die Ärzte auf eine Organspende angesprochen haben. "Die Mediziner waren natürlich sehr erstaunt. Schließlich ist es sehr ungewöhnlich, dass die Angehörigen von selbst danach fragen. Später haben sie uns gesagt, dass sie große Hochachtung gegenüber unserer Eigeninitiative und natürlich gegenüber unserer Entscheidung haben," erzählt Heike Wulfes.
Organspende war für Familie Wulfes schon immer ein Thema. So war es leichter für sie in diesem Moment schnell zu handeln. Dass sie damit eine lebenswichtige Entscheidung getroffen hatten, erfuhren die Wulfes einige Tage später: "Vier Tage nach dem Tod unseres Sohnes kam der Anruf, dass vier Empfänger fünf Organe erhielten. Das war für mich ein euphorischer Moment - in einer traumatischen Situation," beschreibt Frau Wulfes ihre Gefühle.
In dieser Zeit ist der Familie bewusst geworden, dass der Bedarf an Aufklärung in Deutschland noch sehr groß ist. Um dies zu ändern, möchte Heike Wulfes in Zukunft eine psychotherapeutische Betreuung, evtl. sogar Trauerseminare anbieten. Sie möchte auf jeden Fall Angehörige in ihrer Trauerarbeit beistehen und ihnen aus eigener Erfahrung heraus helfen. - Denn ihrer Meinung nach sind Organe das größte Geschenk, das man jemandem machen kann.
Helga Hense, Angehörige
"Heute würde ich mich wieder für Organspende entscheiden."
Als am Nachmittag des 31. Juli 2007 das Telefon klingelte und sich das Krankenhaus meldete, machte sich Helga Hense noch keine großen Sorgen um ihren Mann. Sie dachte an einen Schwächeanfall. "Doch als ich ankam, wurde ich mit den Worten empfangen: "Ihr Mann lebt noch, aber Sie sollten sich keine Hoffnungen machen." Das war natürlich ein Schock. Ich wurde dann mit meiner Mutter auf die Intensivstation geführt, wo mein Mann lag."
Im Krankenhaus erfuhr sie, dass ihr Mann ein Gehirn-Aneurysma erlitten hatte: Er ging gerade seinem Hobby als Dokumentarfotograf nach und fotografierte die Baustelle einer Brücke, als er plötzlich zusammenbrach. Ein Arbeiter eilte zu ihm und rief den Krankenwagen. Zu diesem Zeitpunkt war Helga Henses Mann schon nicht mehr ansprechbar. Auf der Intensivstation wurde sie sehr bald auf die Möglichkeit angesprochen, die Organe ihres Mannes für eine Organspende frei zu geben. Für sie war es eine Entscheidung, die sie nicht so einfach treffen wollte und vor allem noch gar nicht konnte. "Ich wollte mich erst mit meiner Tochter beraten. Sie war nicht abgeneigt und auch ein Pastor kam und teilte uns die Position der Kirche zur Organspende mit: "Die Kirche sieht es als letzten Liebesdienst an, den ein Mensch für die Nachwelt leisten kann." Ihrem Mann ging es in den folgenden Stunden immer schlechter. Die Ärzte konnten schließlich nichts mehr für ihn tun. Nachdem der Hirntod eindeutig festgestellt wurde, musste nun eine Entscheidung getroffen werden. Da im Freundeskreis von Helga Hense und ihrem Mann, jemand dringend auf eine Spenderniere wartet, lag es für sie und ihre Tochter nahe, die Entscheidung zur Organspende mit JA zu beantworten.
Heute trägt Helga Hense selbst einen Organspendeausweis bei sich und ist von der Wichtigkeit und Sinnhaftigkeit einer Organspende überzeugt. "Heute weiß ich, dass ich mich auf jeden Fall wieder so entscheiden würde." Und mit einem zuversichtlichen Lächeln fügt sie hinzu: "Zu wissen, dass die Organe meines Mannes das Leben anderer Menschen rettete oder ihre Lebensqualität deutlich verbesserte, gibt meiner Seele Kraft und Freude."
Peter Hellriegel, Empfänger
"Jetzt ist mir ganz bewusst, wie wertvoll meine Lebenszeit ist."
Isolde Zinkl, Wartelisten-Patienten
"Hoffnung auf den erlösenden Anruf."
"Eine Welt brach für mich zusammen", erzählt Isolde Zinkl, als sie vor über sechs Jahren von den Ärzten erfuhr, dass sie eine Spenderniere braucht. Seit diesem Moment begleitet sie jede Sekunde die Hoffnung auf den erlösenden Anruf. Auch wenn der Alltag durch ihre Schrumpfniere und die Dialysebehandlung eingeschränkt ist, gestaltet sie ihren Tag so "normal" und aktiv wie möglich. Unterstützung erhielt sie dabei vor allem von ihrem Mann - bis das Schicksal ein zweites Mal zuschlug.
Vor etwa einem Jahr verstarb plötzlich ihr Ehemann und Isolde Zinkls Welt geriet ein weiteres Mal aus den Fugen. Als die Ärzte seinen Hirntod feststellten, zögerte sie keine Sekunde mit ihrer Entscheidung: "Ich geb` meinen Mann frei zur Organspende." erzählt Isolde Zinkl - ausgerechnet sie, die jeden Tag selbst auf eine lebensrettende Spenderniere hofft.
Seither gibt ihr der vierjährige Enkel noch mehr Kraft und macht ihr jeden Nachmittag aufs Neue Mut. Durch den kleinen Jungen und seine Liebe erlebt sie, wie sehr es sich lohnt, die Hoffnung auf eine baldige Nierentransplantation nicht aufzugeben. Große Unterstützung erhält sie auch von ihrem Umfeld, das mittlerweile dem Thema Organspende sehr positiv gegenübersteht: "Viele Bekannte tragen heute einen Organspendeausweis bei sich." Alle sind sich einig, dass Organspende ein zweites Geschenk fürs Leben ist.
Auf dieses Geschenk wartet Isolde Zinkl mutig weiter und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. So geht sie ihrer wiederentdeckten Leidenschaft nach: dem Schwimmen. Gemeinsam mit drei Frauen, die sie bei der Dialysebehandlung kennen gelernt hat, ziehen sie jeden Samstagnachmittag ihre Bahnen. Gemeinsam mit anderen Betroffenen aus ihrer Selbsthilfegruppe fährt sie regelmäßig in den Urlaub. Und hofft weiter Tag für Tag auf eine Spenderniere.
Joachim Breiter, Wartelisten-Patienten
"Der Austausch mit anderen Betroffenen gibt mir immer wieder Kraft und Hoffnung."
Seit sechs Jahren wartet Joachim Breiter auf eine zweite Chance fürs Leben. "Die Hoffnung länger zu leben", so erzählt er, ist es, die ihm die Wartezeit auf eine Nierenspende erleichtert. Denn: "Schließlich ist es die einzige Möglichkeit weiter zu leben", fügt er hinzu.
Eine plötzliche Nierenerkrankung im September 2002 veränderte sein Leben von einem Tag auf den anderen. Seither wartet und hofft er auf ein passendes Spenderorgan. Das wichtigste jedoch ist für ihn, trotz Erkrankung und regelmäßiger Dialyse, so gut wie möglich ein normales Leben zu führen. So ging Joachim Breiter nach einem halben Jahr im Krankenstand wieder arbeiten.
Die meiste Kraft tankt er bei seiner Familie und in den Urlauben. "Zunächst haben wir aufgrund der Dialysebehandlung nur zu Hause Urlaub gemacht. Doch über die Klinik und auch durch Zeitschriften habe ich erfahren, wo man Dialyse und Urlaub verbinden kann. Das wichtigste dabei ist, zuerst einen Dialyseplatz zu finden und danach kommt erst die Unterkunft", erklärt Joachim Breiter. So tankte die Familie in den letzten Jahren Kraft und frische Luft in einem Ferienhaus in Füssen und an der Nordsee.
Auch aus seinem sozialen Engagement schöpft er jede Menge Hoffnung. So ist er seit 2003 Vorstand in der Selbsthilfegruppe "Interessensgemeinschaft der Dialysepatienten und Transplantierten Wiesbaden" sowie Mitglied im Arbeitskreis Niere und Vertrauensperson für Dialysepatienten in der Klinik. Besonders die Aufklärungsarbeit zum Thema Organspende liegt Joachim Breiter am Herzen. So organisiert er mit anderen Betroffenen Infostände, die über Organspende informieren. Aufklärung erhofft er sich auch durch die bundesweite Kampagne der DSO: "Ich hoffe, dass sich durch diese Kampagne mehr Menschen für eine Organspende bereit erklären."
Waltraud Kaspar, Angehörige
"Fast wie ein Lebenszeichen meines Mannes."
Manchmal verliert man einen geliebten Menschen völlig unvorbereitet - wie Waltraud Kaspar, deren Ehemann im Januar 2004 bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Er trug so schwere Hirnverletzungen davon, dass der Hirntod festgestellt wurde.
Trotz der Trauer über den schmerzhaften Verlust dachte Waltraud Kaspar sofort an eine Organspende, als sie von der Diagnose hörte. Sie fragte den Arzt, ob ihr Mann eventuell als Spender in Frage käme. Schon vor dem schrecklichen Unfall hatte sie sich intensiv in einer Frauengruppe ihrer Pfarrgemeinde mit dem Thema auseinandergesetzt und selbst einen Organspendeausweis ausgefüllt. "In einem Gespräch wollte ich die Meinung meines Mannes zum Thema Organspende wissen. Er wusste, dass ich einen Spenderausweis ausgefüllt hatte und meinte: 'Ich will nicht darüber nachdenken, aber wenn mal etwas passieren sollte, entscheide du, wie du es für richtig hältst'", erzählt Waltraud Kaspar.
Gemeinsam mit ihren Kindern entschied sie, die Organe ihres Mannes freizugeben. "Durch die Organspende hat der Tod meines Mannes wenigstens noch einen Sinn, insofern dass andere Menschen weiterleben können und das empfinden meine Kinder und ich als sehr tröstlich. Es ist fast wie ein Lebenszeichen meines Mannes." Hin und wieder erkundigt sie sich bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation, wie es den Empfängern geht und freut sich dann, wenn sie hört, dass alle wohlauf sind.
Waltraud Kaspar hofft, dass sich die Menschen selbst eine Meinung zum Thema Organspende bilden und dies auch ihren Angehörigen mitteilen. "Wenn der Fall einer Entscheidung eintritt, ist man doch sehr überfordert, wenn man sich nie über dieses Thema ausgetauscht hat." Vielleicht fällt den Angehörigen in einer solchen Ausnahmesituation eine Entscheidung dann nicht mehr so schwer.
Fynn Gabriel Reuther, Empfänger
"Ein Kinderlachen hat einen befreienden Zauber. "
Ein Kinderlachen hat einen befreienden Zauber. Besonders für Fynns Familie. Denn seit einigen Monaten erleben alle, dass es dem Vierjährigen richtig gut geht.
Drei Wochen vor Fynns Geburt war klar, dass er mit einer Nierenfehlbildung auf die Welt kommen würde. Seitdem war Fynn jede Nacht an der Bauchfelldialyse. Mit drei Jahren kam er auf die Warteliste für eine neue Niere. Eine Transplantation ist die beste Therapie für jemanden, der, wie Fynn, chronisch krank ist. So begann die Zeit des Wartens, der Ungewissheit und auch der Angst. Rückblickend war es eine schwere Zeit, aber es hat sich gelohnt. Nicht selten kommt man sich wie ein Außenseiter vor: "Ab einem bestimmten Punkt können `normale´ Menschen mit ihren normalen Alltagsproblemen eben einfach nicht mehr nachvollziehen, was man da durchmacht!", erzählt Anaïd Reuther. Nach sechs Monaten auf der Warteliste gab es eine neue Niere für Fynn. Nach einem schwierigen ersten Jahr hat sich Fynns Gesundheits- und Allgemeinzustand jetzt enorm verbessert. Dem Kleinen geht es richtig gut, er führt fast ein ganz normales Leben, auch wenn er sein Leben lang Medikamente wird einnehmen müssen.
Nach all dem Hoffen und Bangen ist nun Alltag bei Anaïd Reuther und ihren Söhnen eingekehrt, ein Alltag mit Lebensqualität und voller Zukunftsträume. Aus all den Jahren der Angst und des Kummers hat Anaïd Reuther auch viel Kraft gezogen, denn: "Viele kleine Dinge haben für mich eine ganz andere Qualität bekommen und dafür bin ich sehr dankbar!"
Zum Thema Organspende möchte sie den Menschen folgende Frage mit auf den Weg geben: "Es ist notwendig, dass sich jeder Mensch Gedanken darüber macht; wenn ich ein Organ annehmen würde, um mein eigenes Überleben zu sichern, kann und sollte ich dann nicht auch meine Organe spenden, wenn ich sterbe?"
Angelika Breuer, Empfänger
"Ich führe heute ein fast normales Leben. Nur viel bewusster."
1992, ein paar Tage nach der Geburt ihrer Tochter Julia, erkrankte Angelika Breuer an einer postpartalen Kardiomyopatie, einer zunächst unbemerkten Herzmuskelschwäche. Sie wurde von Tag zu Tag schwächer und bekam massive Atemnot. Gleichzeitig hatte sich ein Blutgerinsel gebildet, das sofort operiert werden musste. Erst nach dieser OP wurde das ganze Ausmaß der Herzmuskelschwäche klar. Von einem Tag auf den anderen stand fest: Nur eine Herztransplantation konnte ihr Leben retten.
"Die Zeit auf der Warteliste war geprägt von meiner Luftnot und meiner Leistungsschwäche, aber ich wollte doch weiterleben - unbedingt, schon wegen meiner kleinen Julia. Ich fühlte mich während der Wartezeit im Klinikum wie lebendig begraben. Mir ging es so schlecht, dass ich noch nicht einmal für längere Zeit sitzen konnte. Im Rollstuhl hat mein Mann mich manchmal an ein großes Fenster gefahren. Ich hatte Angst, nie mehr frische Luft atmen zu können", erzählt Angelika Breuer.
Doch sie hatte großes Glück, denn sie musste nur kurze Zeit warten. Am 14. Dezember bekam sie ein Spenderherz und damit ein neues Leben geschenkt. Die Zeit von der plötzlichen Erkrankung bis zu dem Tag der Transplantation dauerte damit nur drei Monate.
Während der Zeit auf der Warteliste hatte sie große Probleme bei der Vorstellung, dass ihr Leben vom Tod eines anderen Menschen abhängig ist. Es bedurfte einiger Anläufe, bis sie begriff, dass dieser Mensch auch sterben würde, wenn es sie nicht gäbe. Angelika Breuer ist unendlich dankbar für ihre zweite Chance und ganz besonders dem Menschen, der ihr dieses Herz geschenkt hat. "Wenn diese Sätze Angehörige von Spendern lesen, dann möchte ich ihnen sagen, dass die Organspende ein großartiges Zeichen der Nächstenliebe ist und ich dies sehr zu schätzen weiß. Ich hüte mein neues Herz wie meinen Augapfel."
Ihre Herztransplantation ist nun über 15 Jahre her. "15 geschenkte Jahre", wie sie sagt, denn: "Heute lebe ich viel bewusster, viel gesünder, weil ich weiß, dass sich das Leben von einem Moment zum nächsten wandeln kann."
Tanja Lutz, Empfänger
"Meine neue Niere funktioniert so gut, dass ich sogar noch einmal Kinder bekommen konnte."
Tanja Lutz ist stolze Mutter von Zwillingen, die sie fünf Jahre nach ihrer Transplantation zur Welt brachte. Die neue Niere schenkte ihr ein zweites Leben. "Vor zwei Jahren habe ich meinen 40. Geburtstag gefeiert. Ich bin so dankbar, dass ich diesen Tag erleben durfte."
Ihre erste Niere verlor Tanja Lutz bereits im Alter von sechs Jahren. Der Kinderarzt stellte bei ihr eine Schrumpfniere fest. Das Organ war nicht mehr zu retten und musste entnommen werden. Acht Jahre später wurde an ihrer zweiten Niere ein Reflux entdeckt und erfolgreich operiert. Alles schien endlich überstanden zu sein.
Neun Jahre vergingen. Tanja Lutz verlobte sich und bekam zwei Kinder, als es ihr plötzlich wieder schlechter ging. Ihre noch verbliebene Niere hatte aufgehört zu funktionieren: Sie musste an die Dialyse. Die damals 23-Jährige empfand die dreieinhalbjährige Dialysezeit wie eine Entmündigung ihrer selbst. "Damals ging mein ganzes Leben in die Brüche", sagt Tanja Lutz rückblickend. Sie verlor ihren Verlobten, ihre Firma und musste schließlich ihre ersten beiden Kinder vorübergehend zu Pflegeeltern geben.
Im Winter 1994 wurde endlich eine passende Niere gefunden. Die Transplantation verlief sehr gut, das neue Organ funktionierte ohne Komplikationen. In ihrem "neuen" Leben lernte sie ihren heutigen Mann kennen, baute mit ihm einen Bauernhof auf und erfüllte sich einen großen Wunsch: ein gemeinsames Kind. Es wurden Zwillinge. Ihr Nierenspezialist und Frauenarzt passte die Medikamente, die eine Nierenabstoßung verhindern, so an, dass sie den Babys nicht schadeten. Laura und Daniel kamen zwar etwas zu früh, aber kerngesund auf die Welt. Für den Spender, der ihr dieses Glück erst ermöglichte, empfindet sie große Dankbarkeit: "Gerne würde ich dieser Person Blumen ans Grab legen, ihr danken, für die Jahre, die sie mir geschenkt hat. Für mein zweites Leben."
Um auch anderen Menschen Kraft und Mut zuzusprechen, engagiert sich Tanja Lutz im Selbsthilfeverband Niere Baden-Württemberg e.V.
Maria Steuer, Empfänger
"Jeder sollte sich fragen, ob er ein Organ annehmen würde."
Maria Steuer wurde nur mit einer Niere geboren, was den Ärzten damals gar nicht auffiel. Erst nach 10 Jahren und zahlreichen Krankheiten, die sie durchmachen musste, wurde bei einer eingehenden Untersuchung festgestellt, dass ihre einzige - und mittlerweile chronisch überlastete Niere - über die Jahre hinweg so weit geschädigt wurde, dass als Ausweg nur noch die Dialyse-Therapie blieb.
Mit 22 Jahren begann Frau Steuer schließlich ein Leben, das sich am Rhythmus der regelmäßigen Blutwäschen orientierte. "Als ich 1975 mit der Dialyse begann, war die Transplantation nur ein Thema am Rande." Dennoch begann sie sich eingehend darüber zu informieren. Sie sprach mit Patienten und mit Ärzten, bis sie schließlich zu dem Entschluss kann, dass sie sich auf die Warteliste setzen lassen will."
In der Zwischenzeit hat Maria Steuer zweimal ein neues Organ geschenkt bekommen: Die erste Niere wurde sofort akut abgestoßen die zweite nach sieben Jahren. Danach wartete sie weitere vier auf ein neues Spenderorgan. "Da es mir mit der Dialyse recht gut ging, habe ich die Wartezeit nicht als so belastend empfunden." Die Unterstützung ihrer Mutter hat ihr in diesen Jahren sehr geholfen.
Als Maria Steuer nach der dritten Transplantation erwachte, teilten ihr die Ärzte mit, dass die eingepflanzte Niere nicht wie gewünscht arbeitete. Zum Glück begann das Organ schließlich nach einer Woche zu funktionieren. "Ich war sehr erleichtert und überaus froh, dass es nun endlich losging. Seitdem fühlte ich mich von Tag zu Tag besser. Es ging aufwärts." Maria Steuer strahlt heute noch die Erleichterung aus, wenn sie über diese Zeit spricht.
Seit 13 Jahren lebt sie ein fast normales Leben mit ihrer mittlerweile dritten Niere. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten in der Natur, vor allem wenn im Frühling die Bäume, Wiesen und Rapsfelder in ihrer Heimat Schleswig-Holstein blühen. Ebenso feiert sie nun einen zweiten Geburtstag - den Tag ihrer Operation. Sie ist heute noch sehr froh darüber, dass es auch beim dritten Mal mit der Transplantation klappte. "Mein Spender war ein junger Mann und ich bin ihm und seinen Angehörigen unendlich dankbar."
Maria Steuer hat noch eine Bitte an alle Menschen: "Informieren Sie sich über das Thema Organspende. Jeder sollte sich fragen, ob er ein Organ nehmen würde, wenn er selbst erkrankt." Auch sie ist der Meinung, dass jeder das Geschenk des Lebens annehmen würde. Deshalb ist es so wichtig, sich zu informieren.
Hannes Camin, Empfänger
"Ein Herz für Hannes."
Noch in der Schwangerschaft erfuhr Anja Camin, dass ihr Baby einen angeborenen Herzfehler hatte: Die linke Seite des Organs arbeitete nicht. Im Mutterleib war dies kein Problem, aber nach der Geburt lebensbedrohlich. Nur in einer Spezialklinik mit einer besonderen Behandlung konnte Hannes geholfen werden.
"Natürlich haben wir uns an diesen Strohhalm geklammert", erinnert sich Anja Camin. Tatsächlich wurde das Leben ihres Sohnes drei Tage nach der Geburt während einer siebenstündigen Operation gerettet. "Das erste Jahr seines Lebens hat Hannes zu drei Vierteln im Krankenhaus verbracht", sagt Vater André und man sieht es ihm auch an, wie schwer diese Monate für ihn waren.
Trotz aller Bemühungen der Ärzte verschlechterte sich der Zustand von Hannes rapide.
Er musste über eine Magensonde künstlich ernährt werden. Bald war klar, dass der kleine Junge nicht ohne ein Spenderherz überleben würde. Auch eine zweite Operation verbesserte seinen Zustand nicht. Ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit begann.
Die Eltern erlebten die Wochen des Wartens als Nervenkrieg, der erst mit dem erlösenden Anruf endete. "Nach nur drei Monaten wurde ein Herz für meinen Jungen gefunden. Aber ich hatte Panik: Was, wenn sein Körper das fremde Organ abstoßen und er sterben würde?" Eine Transplantation war aber die einzige - und letzte - Chance für ihren Sohn. Das wussten Anja und André und sagten Ja zur Transplantation.
Zum Glück war die Verpflanzung erfolgreich. Das Leben von Hannes konnte damals gerettet werden. Heute ist er ein vitaler Junge, der genauso wild ist wie seine gleichaltrigen Spielkameraden.
Die erste Halbzeit seines Lebens ist gerade erst angepfiffen worden. Dank des Geschenks des Lebens durch einen anderen kleinen Menschen. Mit großem Herz.
Karlheinz Schmid, Empfänger
"Organspende ist eine letzte humanitäre Geste."
Angst vor der lebensnotwendigen Operation. Das war das Gefühl, das Karlheinz Schmid überkam, als er erfuhr, dass er ein Spenderherz benötigt. "Ich verspürte Unsicherheit, ob das optimale Organ rechtzeitig gespendet wird." Trotz seiner eingeschränkten Lebensqualität - er lebte schon 13 Jahre mit einer Herzinsuffizienz - hoffte er, auch ohne Transplantation überleben zu können.
Diese Hoffnung nahmen ihm seine behandelnden Ärzte. "Ich konnte zeitweise nur noch mit dem Sauerstoffgerät am Schreibtisch sitzen, jede körperliche Belastung wurde zur Qual." Eine Transplantation war unausweichlich, um sein Leben zu retten. Und sie war erfolgreich. Nach der Operation fühlte sich Karlheinz Schmid "absolut schmerzfrei, bestens betreut und glücklich, von der gelungenen Transplantation zu hören." Zu seinen ersten Gedanken gehörte, wie er der Familie des Spenders oder der Spenderin danken könnte.
"Jeder, der transplantiert wird, denkt auch an seinen Organspender," meint Karlheinz Schmid. Er selbst hat schon wenige Tage nach dem Eingriff seinen ersten Brief an die Angehörigen des Verstorbenen geschrieben. Das Schreiben wurde anonymisiert an die ihm unbekannte Adresse weitergeleitet. "Ich habe diesen Menschen gedankt, sie womöglich auch in ihrer Trauer getröstet und von meinem neuen Leben berichtet."
Heute kann Karlheinz Schmid wieder von morgens bis abends seiner geliebten journalistischen und verlegerischen Tätigkeit nachgehen. Schon wenige Wochen nach seiner Transplantation hat er das Büchlein "Herzensangelegenheiten" veröffentlicht, um mit seiner Geschichte auf das Thema Organspende aufmerksam zu machen.
Karlheinz Schmid wünscht sich heute, dass sich mehr Menschen mit dem Tabuthema "Tod" befassen. "Wer im Notfall selbst erwartet - und das tun die meisten - mit einem fremden Organ das eigene Leben verlängern zu können, der sollte nicht zögern, im Gegenzug einen Organspendeausweis auszufüllen. - Eine letzte humanitäre Geste, die wir einander schuldig sind."
Wer, wie er selbst, einmal die Furcht verspürte, vielleicht vergeblich auf ein passendes Organ zu warten, der kann dieses letzte Geschenk eines Menschen nicht hoch genug einschätzen.
Und bis heute Dankbarkeit fühlen.
Fotos: Uwe Moosburger
Sven Treckmann, Wartelisten-Patienten
"Auf ein neues Leben warten."
Bis zuletzt hoffte der schwerkranke Familienvater auf ein neues Herz, welches ihm ein zweites Leben schenkt. Mehr als 18 Monate wartete er zusammen mit seinen Lieben auf die erlösende Nachricht, dass ein Herz für ihn gefunden ist. Vergeblich. Im Januar 2008 verstarb Sven Treckmann.
Schon als Kind bekam er oft Atemnot. Damals dachte man, dies würde mit seinem Wachstum zusammenhängen. Erst als er sich für eine Ausbildung im Bergbau bewarb, wurde bei einer Tauglichkeitsuntersuchung festgestellt, dass er einen Herzfehler hatte. Sven Treckmann war damals 17 und fühlte sich kerngesund. Wenige Jahre später aber wurde er immer schwächer. Er konnte kaum noch atmen.
Dann bekam er zum Glück ein Herzunterstützungsgerät, das ihm half ein halbwegs normales Leben im Kreise seiner Familie zu führen. In den letzten Monaten seines Lebens verschlechterte sich sein Zustand jedoch, eine Hoffnung blieb: "Es wäre so schön, wenn sich die Menschen ernsthafter mit dem Thema auseinandersetzen und einen Organspendeausweis ausfüllen."
Auf Wunsch seiner Familie wird seine Geschichte weiterhin auf diesem Portal gezeigt. Sie steht symbolisch für das Schicksal vieler Patienten und deren Angehörigen, die auf ein Spenderorgan hoffen - auf das Geschenk des Lebens. Sie soll daran erinnern, wie wichtig die Entscheidung für eine Organspende ist.
Jan Breidenbach, Angehörige
"Das Ja zum Geschenk des Lebens."
Ihre letzten Worte zu ihrem Sohn waren: "Tschüss und einen schönen Tag." - Worte, die Jan Breidenbach nie mehr vergisst. Wenige Stunden später wurde er als Rettungsassistent zu seiner eigenen Mutter gerufen. Es war der 5. Mai 2004 um exakt 13.24 Uhr.
"Sie war doch erst 50 und kerngesund", erklärt er mit stockender Stimme. "Als ich eintraf, stürmten Kollegen auf mich zu und fragten, ob ich wüsste, dass meine Mutter der Notfall sei." Jan Breidenbach war geschockt, reagierte aber automatisch so professionell wie er es gelernt hatte: Notärztlich wurde seine Mutter versorgt und stabilisiert.
Dann begleitete er seine Mutter ins nächste Krankenhaus. Dort stellte man eine Subarachnoidalblutung (spezielle Form des Schlaganfalls) fest und verlegte sie in ein Uniklinikum, wo Intensivmediziner weiter um ihr Leben kämpften. Man sagte ihm sofort, dass es sehr schlecht um seine Mutter stehe, aber alles Menschenmögliche getan werde, um ihr Leben zu retten. Tagelang schwebte seine Mutter zwischen Leben und Tod.
"Am 9. Mai - dem Muttertag - rief mich um 23 Uhr der Dienst habende Arzt an und erklärte mir, dass der Kreislauf meiner Mama immer instabiler würde." Sofort machte er sich auf den Weg ans Krankenbett. Dort angekommen, teilten ihm die Ärzte mit, dass der Hirntod eingetreten sei. "Das war sehr schlimm für mich", erinnert sich Jan Breidenbach.
Im Gespräch mit dem Oberarzt sprach er selbst das Thema Organspende an. "Meine Mutter hatte mir einmal einen ausgefüllten Organspendeausweis gezeigt und ich hatte mich sehr negativ dazu geäußert." Er konnte den Ausweis nicht mehr finden, sollte aber eine Entscheidung treffen. Die Worte seiner Tante halfen ihm dabei: "Selbst wenn deine Mutter den Ausweis dir zuliebe vernichtet hat, ist ihre Einstellung zur Organspende positiv gewesen."
Dieser Satz gab den Ausschlag, einer Organspende doch noch zuzustimmen. Jetzt, einige Jahre später, ist Jan Breidenbach überzeugt, dass man auf diesem Weg "sehr kranken Menschen noch eine Chance geben kann, die es für den Spender leider nicht mehr gibt." Und er ist froh über seine Entscheidung fürs Leben, die er letztendlich mit seiner Mutter gemeinsam getroffen hat.
Cordula Peters, Empfänger
"Die zweite Luft zum Leben."
"Was Luftnot bedeutet, kann man sich kaum vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat: Diese Todesangst, während man denkt, jeden Moment zu ersticken." Cordula Peters weiß, wovon sie spricht: Die ausgebildete Krankenschwester hat genau diese Augenblicke über viele Jahre immer wieder durchleiden müssen.
Mit Anfang 20 wurde plötzlich jeder ihrer Atemzüge wegen einer Lungenkrankheit zu einer immer größeren Qual. Besonders schmerzlich war das für sie als sportliche Frau, die mit 15 Jahren ihr Glück auf dem Rücken der Pferde gefunden hatte. Über viele Jahre hinweg war sie nun ständig auf eine Sauerstoffflasche angewiesen, ohne die ihr Leben an einem seidenen Faden hing.
Die Ärzte rieten ihr schließlich dringend zu einer Transplantation. Auch sie selbst wollte so qualvoll nicht mehr weiter leben. Am 22. August 1994 wurde Cordula Peters in einer neunstündigen Operation eine neue Lunge verpflanzt. Sie erinnert sich noch genau daran, was sie dachte, als man ihr nach dem Eingriff den Beatmungsschlauch entfernte: "Jetzt fängt mein zweites Leben an!"
Endlich konnte sie das Leben wieder so genießen, wie sie es sich während ihrer Krankheit immer erträumt hatte. Ihre Liebe zum Sport entflammte aufs Neue. Bei regelmäßigen Ausritten mit Freunden und beim Schwimmtraining verbesserte sie ihre Belastbarkeit. "Wenn man dann sieht, was man alles wieder schafft, dann steigert sich auch das Selbstbewusstsein."
Heute führt Cordula Peters ein fast normales Leben. Sie hat eine Schulung zur Betreuung demenzkranker Menschen absolviert und arbeitet in diesem Bereich jetzt ehrenamtlich. Doch natürlich haben die Erfahrungen vor und nach der Transplantation ihren Blick insgesamt verändert: "Vielleicht musst Du einmal tief unten gewesen sein, um zu wissen, was Glück ist."
Julia Nandelstaedt, Empfänger
"Jeder Tag ist ein Geschenk."
Eigentlich war für Julia Nandelstaedt schon eine Lebendspende vorgesehen. Ihre Mutter war bereit, ihr eine ihrer eigenen Nieren zu schenken und auch die Ethikkommission gab grünes Licht. Es gab sogar schon einen fixen Termin für die Transplantation.
Dann aber meldete sich Eurotransplant, die internationale Vermittlungsstelle für Spenderorgane, mit der Nachricht, dass man ein passendes Organ für sie gefunden hätte. Plötzlich ging alles ganz schnell: Ein Arzt aus der Dialyse-Praxis rief Julia Nandelstaedt an und teilte ihr mit, dass ihr sofort eine Niere transplantiert werden kann.
"Die Ärzte sagten ein Lottogewinn wäre wahrscheinlicher, als so schnell ein ideales Organ zu finden." Julia Nandelstaedt konnte ihr Glück selbst kaum fassen. Wie im Zeitraffer rasen die Bilder aus diesen Tagen an ihr vorbei: Die Vorbereitung im Krankenhaus, die bange Wartezeit vor der OP, die angespannten Gesichter ihrer Eltern und Verwandten.
Als sie damals aufwachte, begann für sie ein neuer Lebensabschnitt. "Ich kann jetzt eigentlich fast alles machen, was ich vorher gemacht habe, aber man schätzt das Leben und jeden einzelnen Tag viel mehr", unterstreicht Julia Nandelstaedt. Sie freut sich darüber wieder reiten zu können und beim Volleyball und Skifahren mischt sie wie früher aktiv mit.
"Aber weil ich am Abgrund gestanden habe, weiß ich, wie schnell so etwas vorbei sein kann." Nach ihrer Transplantation schätzt sie auch die Kleinigkeiten des Lebens: "Heute freue ich mich auch darüber, wenn die Blumen blühen, das hat mich früher nicht interessiert."
Julia Nandelstaedt engagiert sich offen für Organspende und unterstützt die Arbeit von Organspendeorganisationen. Auf Messeständen gibt sie ihre Botschaft an andere Menschen weiter: "Organspende rettet Leben - ich bin der lebende Beweis dafür."
Sabine Lembke, Empfänger
"Ich kämpfte um mein Leben."
Sabine Lembke hatte alles, was man zu seinem Glück braucht: eine erfüllende Partnerschaft, einen tollen Beruf und vor allem etwas, was viele Menschen für selbstverständlich halten - einen gesunden Körper.
Eine schwere Krankheit änderte plötzlich alles in ihrem Leben: Die behandelnden Ärzte diagnostizierten eine Leber-Venen-Thrombose. Schrittweise wurde dabei das Organ zerstört. Trotz mehrerer Operationen über viele Monate hinweg, stand nach einiger Zeit fest: Ihre Leber ist nicht mehr zu retten.
Schlimmer noch. Die Zerstörung war so weit fortgeschritten, dass Sabine Lembke nach dem letzten Eingriff in einen Dämmerzustand mit Bewusstseinstrübungen fiel. Ein Leberkoma stand unmittelbar bevor. Nur zwei Wochen gaben ihr die Intensiv-Ärzte noch. Sabine Lembke schwebte zwischen Leben und Tod. Sie wurde daraufhin auf der Warteliste als "High Urgent" eingestuft. Dies sind Patienten, die innerhalb kürzester Zeit ein passendes Spenderorgan brauchen, damit sie überleben.
"Ich habe mich nicht mit dem Tod beschäftigt, ich hatte genug damit zu tun, um mein Leben zu kämpfen", sagt Sabine Lembke rückblickend. Eine Powerfrau ist sie schon immer gewesen: sportlich, fit und lebensbejahend. Während der dramatischsten Stunden half ihr ihre Kämpfernatur weiterzuleben. Dabei hatte sie auch Glück im Unglück: Es konnte ihr rechtzeitig eine optimal passende Leber verpflanzt werden. Viele Patienten warten vergebens. Ein Drittel von ihnen stirbt, bevor ein passendes Spenderorgan gefunden wird.
Heute weiß Sabine Lembke, wie viel Glück sie hatte und ist dankbar für ihr zweites Leben. Sie treibt wieder Sport und engagiert sich in einem Selbsthilfeverband. Außerdem setzt sie sich dafür ein, dass mehr Menschen eine Entscheidung fürs Leben treffen: "Denn die Wahrscheinlichkeit, selbst ein Organ zu benötigen, ist viel größer, als überhaupt als Organspender in Frage zu kommen."
Alexandra Meyer-Holtkamp, Empfänger
"Ein normales Leben. Im Großen und Ganzen."
Heute geht es Alexandra Meyer-Holtkamp wieder sehr gut, aber sie hat in ihrem Leben schon ganz andere Zeiten durchstehen müssen. Sie litt an einer seltenen Erbkrankheit: Morbus Wilson. Eine Kupferspeicherkrankheit, die dazu führt, dass der Körper nur vermindert Kupfer ausscheidet und dieses vermehrt in der Leber und im Zentralnervensystem speichert.
Nach einiger Zeit voller Leiden und Hoffnungen die sich nicht erfüllten, war klar, dass sie eine neue Leber benötigen würde. "Die Art der Therapie war mir zu diesem Zeitpunkt bereits relativ egal. Mein Gedanke war nur: Endlich werde ich wieder gesund und darf nach Hause."
Sie verdrängte als 16-Jährige völlig, dass eine Transplantation auch mit einem gewissen Risiko verbunden ist. Ihre Freunde und Verwandten unterstützten sie deshalb umso mehr bei diesem lebenswichtigen Schritt. Die Atmosphäre bei Krankenhausbesuchen war zumeist optimistisch. "Trotzdem wusste ich um die große Sorge, die alle um mich hatten."
Alexandra Meyer-Holtkamp hatte großes Glück, denn sie wartete nur 24 Stunden auf ihr neues Organ. Und die Zeit drängte wirklich, denn sie wäre innerhalb kurzer Zeit gestorben. Der Eingriff war sehr erfolgreich: Sie lebt nun schon seit 16 Jahren mit der Spenderleber.
"Ich war damals ein Teenager und musste plötzlich sehr schnell erwachsen werden." Dinge, die man mit 16 Jahren normalerweise ausprobiert, hat sie mehrmals überdacht, da sie eine große Verantwortung für ihre Gesundheit zu tragen hatte. Sie fühlte instinktiv eine größere Verantwortung für die Zeit, die ihr neu gegeben wurde.
Heute führt sie im Großen und Ganzen ein normales Leben. Die tägliche Einnahme von Medikamenten, die eine Abstoßung der Leber verhindern, geht im Alltag völlig unter.
Sie selbst sieht ihr neues Leben nicht als Geschenk, eher das gespendete Organ. "Ich bin den Angehörigen des Spenders sehr dankbar für ihre Entscheidung." Denn jetzt macht sie das Normalste der Welt: leben.
Frauke Trojan, Angehörige
"Wir wussten, dass durch die Spende andere Menschen leben konnten."
Hannah, Empfänger
"Und plötzlich war alles anders."
Für die meisten Menschen ist die Kindheit eine Zeit ohne große Sorgen. Für die kleinen Dramen, die es in jedem Kinderleben gibt, sind Mama und Papa da. Sie nehmen ihr Kind liebevoll in den Arm und trösten es mit den richtigen Worten. Zum Beispiel wenn es nachts einen bösen Traum hatte.
Doch plötzlich wurde ein böser Traum für Hannah und ihre Eltern zur Realität. Bei einer Routineuntersuchung vor einer Ohren-OP stellten die Ärzte einen viel zu hohen Blutdruck fest. Nach weiteren Untersuchungen wurde eine angeborene Nierenerkrankung diagnostiziert, die auf Dauer zu einem Nierenversagen führen würde. Nur zwei Monate nach der Diagnose musste Hannah das erste Mal dialysiert werden. Nach anfänglichen Komplikationen mit langen Krankenhausaufenthalten entwickelte sich Hannah unter der täglichen Dialyse gut. "Die Dialyse war schließlich wie eine Erlösung für Hannah. Ihr Zustand besserte sich schlagartig", erinnert sich ihre Mutter Isabel. Doch nach einiger Zeit wurde Hannah körperlich immer schwächer. Eine neue Niere schien nun der einzige Ausweg aus dem Alptraum. Eine endlos scheinende Zeit des Wartens begann. Alles war von der Sorge um Hannah überschattet. "Das Telefon hatte ich immer dabei, falls der Anruf des Transplantationszentrums kommt." erzählt Hannahs Mutter Isabel.
Endlich, fast 2 Jahre nach der Diagnose, ertönte das ersehnte Klingeln mit der erlösenden Nachricht. Und plötzlich ging alles ganz schnell. Am 4. Februar 2008 erhielt Hannah das Geschenk des Lebens. Eine neue Niere. Seither werden für sie und ihre Familie mit jedem Tag kleine und große Träume wahr: Hannah kann wieder Kind sein. Und auch für ihre Familie ist der größte Wunsch in Erfüllung gegangen. Aber einer ist geblieben: "Ich wünsche mir, dass es bald eine elektronische Gesundheitskarte gibt, auf der jeder seine Entscheidung zur Organspende festhält.“ träumt Hannahs Mutter und möchte, dass in Zukunft noch mehr Familien das Geschenk des Lebens erhalten.
Ralf Uschkereit, Empfänger
"Man darf nie aufgeben zu leben."
Zum Wertvollsten im Leben eines Menschen gehört die Gesundheit. Wer sie verliert, ist körperlich und seelisch nachhaltig beeinträchtigt. Ralf Uschkereit gehört zu den Menschen, die das ganz besonders genau erfahren und erleiden mussten. Über viele schier endlose Jahre hinweg.
Wie viele Leidenswege von Erkrankten, fing auch dieser mit einer ärztlichen Diagnose an: Hepatitis-B-Infektion, wahrscheinlich zugezogen aufgrund einer chronischen Vorerkrankung. Zunächst versuchte Ralf Uschkereit trotz der Infektion ein halbwegs normales Leben zu führen - privat wie beruflich.
Nach einigen Jahren war es damit aber vorbei. Sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich weiter, seine Leber begann eine Zirrhose zu bilden. "Ich hatte also eine aggressive Leberentzündung", konstatiert Ralf Uschkereit nüchtern. Doch es wurde noch schlimmer: In seiner Krankengeschichte begann ein neues schlimmes Kapitel: Es wurde eine Hepatitis-C-Infektion und später sogar Leberkrebs diagnostiziert.
Trotz neuester Therapien stellte sich kein Erfolg ein. Schließlich ereignete sich das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann: Eine Ärztin machte ihm keine Hoffnung mehr aufs Überleben. "Jetzt sollte ich mich schon auf ein baldiges Lebensende einstellen."
Aber Ralf Uschkereit hatte in all den Jahren kämpfen gelernt: "Man darf nie aufgeben und muss, wenn möglich, mit Eigeninitiative sein Ziel erreichen." Ein anderes Ärzteteam machte ihm kurz darauf wieder Hoffnung. Er kam auf die Transplantationsliste und wurde als "High Urgent"-Patient nach nur wenigen Stunden Wartezeit operiert.
Das war der Wendepunkt in seinem Dasein. Nach siebenstündiger Transplantation erwachte Ralf Uschkereit mit einer neuen Leber, die ihm ein neues Leben schenken sollte. Sein persönlicher Leidensweg war damit jedoch leider noch lange nicht am Ende: Viele Komplikationen machten neue wochen- und monatelange Klinikaufenthalte und sogar eine weitere Transplantation nötig. Schuld daran, waren natürlich auch seine vielen Vorerkrankungen und sein dadurch geschwächter Körper.
Nach einer langen und sehr schweren Zeit kann Ralf Uschkereit nun aber ein halbwegs gesundes Leben führen. Heute engagiert er sich in einem Selbsthilfeverband.
Zudem widmet sich Ralf Uschkereit in seiner Freizeit dem Thema zeitgenössische Buchkunst. Durch sein Hobby ist er im wahrsten Sinne des Wortes Teil einer befreundeten Familie geworden, die ihm im Leben sehr viel bedeutet.
Er ist "glücklich und dankbar, dass ich auf diese Weise und mit Gottes Hilfe, eine gesunde Leber erhalten habe."
Denn er weiß, wie unglaublich kostbar die eigene Gesundheit ist.



